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Die Wasserstadt: Traditionsraum preußischer Industrien

Die Wasserstadt Oberhavel, auch Wasserstadt Spandau genannt, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Zu den Zeiten der alten Preußen war die Region rings um die Insel Eiswerder ein Zentrum der Militärindustrie vor den Toren Berlins – leicht zu erreichen, aber dennoch in sicherer Entfernung zur Wohnbevölkerung. Schon 1722 zog hier eine Waffenmanufaktur ein, im frühen 19. Jahrhundert wurden dann ein Feuerwerkslaboratorium und eine Pulvermühle angesiedelt. Aufgrund der durch die militärische Nutzung bereits gut ausgebauten Infrastruktur und der Nähe zum Wasser kamen nach der Gründung des Deutschen Reiches ab 1871 rasch weitere Industrien hinzu. Im Ersten Weltkrieg lief hier die Munitionsherstellung auf Hochtouren. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen dann zunächst zivile Nutzer: Mineralöldepots und Getreidesilos wurden errichtet. In der Zeit des Nationalsozialismus stand die Rüstungsindustrie wieder im Vordergrund, unter anderem wurde in der Wasserstadt ein Flugzeugwerk aufgebaut. Nachdem die Militärindustrie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs völlig verschwand, wurde das Areal als Lagerstätte zur Versorgung West-Berlins und als Standort für kleinere Betriebe sowie von der britischen Besatzungsmacht genutzt.

Foto: Tilman Kluge. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

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Die Wiedervereinigung: Leid und Chancen für die Wasserstadt

Mit der deutschen Wiedervereinigung fielen diese Nutzer jedoch schlagartig weg und das riesige Gelände begann brach zu liegen. Gleichzeitig hatte die Binnenschifffahrt ihr Bedeutungstief erreicht, die Speicheranlagen waren nutzlos geworden. Das Areal verkam in der Folge zum Tummelplatz für Graffiti-Künstler, Vandalen und Jugendgangs.

Gleichzeitig wurde in Berlin dringend neuer Wohnraum benötigt. Schon vor der Wende wurden in West-Berlin mehr Wohnungen nachgefragt, als eigentlich vorhanden waren. Im Zuge des Mauerfalls erwartete man nun einen regelrechten Ansturm an Wohnungssuchenden. Die Stadtverwaltung ließ daher keine Zeit verstreichen und stellte einen ambitionierten Bebauungsplan für die Wasserstadt auf: 12.000 Wohnungen sollten langfristig in dem verfallenden Gewerbegebiet entstehen.

Die Pläne schienen sich nicht zu erfüllen

Doch die erwartete Bevölkerungsexplosion blieb aus. Im Zuge der Desurbanisierung verringerte sich die Bevölkerungszahl der Hauptstadt sogar, in Berlin begannen Wohnungen leer zu stehen. Der Bebauungsplan für die Wasserstadt wurde daher 2003 im Umfang deutlich reduziert. Bei nunmehr 7.500 Wohnungen sollte jetzt Schluss sein, bis zum Jahr 2006 wurde auch davon nur etwa die Hälfte erreicht. Die Arbeiten gerieten ins Stocken. Die ehrgeizigen Pläne wurden nur zum Teil erreicht. Manch einer wähnte hinter dem Projekt schon ein Millionengrab.

Heute ist die ausgedehnte Wasserstadt ein zweischneidiges Schwert. Zum einen gibt es hier sehr schöne Gegenden mit aufwändig renovierten Gebäuden. Ein Paradebeispiel dafür ist die Insel Eiswerder. Im ehemaligen Feuerwerkslaboratorium können hier Eigentumswohnungen erworben werden, ein Großteil ist bereits verkauft. Die Makler konnten sich nach der Fertigstellung vor Anfragen nach den modernen Wohneinheiten in historischen Backsteinfassaden kaum retten.

Einige Teile der Wasserstadt verfallen noch immer

Am westlichen Havelufer, im Ortsteil Hakenfelde, sieht es weniger schön aus. Anwohner stören sich am fortschreitenden Verfall des ehemaligen Heeresverpflegungsamts und der dazugehörigen Speicher. Das Areal vermittelt den typischen Eindruck eines verwahrlosten Ortes. Mit zerschlagenen Fensterscheiben und herausgehebelten Türen stehen die Anlagen praktisch jedermann offen, sie sind gleichermaßen ein Anziehungspunkt für böswillige Vandalen wie für harmlose Zeitgenossen, „Geocacher“ und „Lost Place“-Jünger, die einfach nur ihre Freude am Nostalgischen haben. Dass es auch anders gehen kann, das belegen ganz ähnliche Speichergebäude nördlich von Eiswerder. Sie werden inzwischen als Lager von Speditionsfirmen genutzt, das anliegende Ufer wurde zur Promenade ausgebaut.

Ein neuer Frühling für die Wasserstadt zeichnet sich ab

Allerdings scheint es in letzter Zeit, als ob die Wasserstadt doch noch zu ihrem Recht kommen könnte. Der anhaltende Boom der Hauptstadt in den letzten Jahren hat jetzt auch wieder den Wohnungsbau belebt. Da in der Wasserstadt bereits alle Vorkehrungen für den Ausbau in die Wege geleitet worden waren und eine ausgebaute Infrastruktur vorhanden ist, ist es daher besonders problemlos, das Projekt nun auch zu einem Ende zu bringen. Private Investoren planen derzeit den Bau von Stadtvillen und Loftwohnungen.

Auch ungewöhnliche Konzepte sind vorhanden. So soll in einem verlassenen Industriegebiet ein Oldtimer-Zentrum entstehen. Im Fokus der Bauherren stehen heute vor allem exklusive Wohnlösungen für kaufkräftige Kunden. Im ursprünglichen Bebauungsplan aus den 90er Jahren waren dagegen vor allem Sozialwohnungen vorgesehen gewesen. Angesichts dieser Entwicklungen kann festgehalten werden, dass die Geschichte der Wasserstadt Spandau noch lange nicht zu Ende geschrieben ist. Auch in den kommenden Jahren dürfte sie noch einmal dramatisch ihr Gesicht verändern. Nun allerdings zum Besseren, wie es scheint.

Dank geht an die TopAsset Immobilien & Service GmbH und deren Beiträge zu den Immobilienpreise in Spandau

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